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Bekommt mein Kind ohne Kindergarten genug Kontakte zu Gleichaltrigen?

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IMG_6760Von allen Themen dieses Blogs gibt es am meisten Fragen von euch zum Thema kindergartenfreies Leben. Ganz viele Eltern sind berührt und voller Freude, dass es scheinbar noch andere Exoten gibt, die auch aus den unterschiedlichsten und doch so ähnlichen Gründen ihre Kinder nicht in einen Kindergarten geben. Ich beobachte gern, wie ihr euch untereinander austauscht und wie sehr es doch Mut macht zu wissen, dass wir nicht alleine dieses System hinterfragen – es werden immer mehr!
Ich gebe zu, dieses Thema wir sich in den nächsten Monaten deutlich ausdehnen – denn unsere Tochter wird 2016 schulpflichtig. Ihr könnt euch sicher denken, was ich zum Thema Schulpflicht so alles denke und zu sagen habe…aber nicht an dieser Stelle. Jedoch ist die meistgestellte aller Fragen an mich von Eltern, die entweder ohne Kindergarten aber eben auch ohne Schule leben die gleiche: Bekommt mein Kind denn ohne Kindergarten oder Schule genug Kontakt zu Gleichaltrigen?

Gibt man in unserem Kulturkreis ein Kind nicht in eine öffentliche Bildungs/Betreuungseinrichtung so ist man förmlich gezwungen, sich dieser Frage zu stellen, wenn man sie sich nicht selber stellt, so wird doch mindestens ein Nachbar, eine Tante oder irgendein pädagogisch belesener Bekannter diese Frage stellen. Und auch mir wurde immer wieder ans Herz gelegt, mich doch jah um die Kontakte meiner Tochter zu gleichaltrigen Kindern zu kümmern, diese seien ja für die Entwicklung so unglaublich wichtig!

Anfangs, als ich gerade noch langsam mich traute öffentlich zu bekennen, dass Miriam nicht in einen Kindergarten geht, da fühlte ich mich bei diesen sorgenvollen Blicken, ob sie denn auch ja genug mit Kindern spielt, immer genötigt, alle ihre Kontaktpersonen im gleichen Alter aufzuzählen. Ich zweifelte oft genug, ob ich irgendetwas falsch mache, ob ich ihr etwas vorenthalte. Das hielt aber nicht lange an, denn ich musste einfach nur HINGUCKEN und sah und fühlte und begriff, dass alles gut ist, dass diese ganze Sorge einfach verpufft, wenn man das ganze Dilemma einmal anders betrachtet. Ich möchte euch Mamas und Papas, die ihr euch um die Kontakte eurer Kinder sorgt und die ihr immer wieder verunsichert seid, ob Schule und Kindergarten aus sozialer Hinsicht nicht total wichtig sind für eure Kinder – ich möchte euch einladen euch diese eine Frage zu stellen:

Warum brauchen Kinder unbedingt Kontakt zu Gleichaltrigen?

Ich bitte euch, diese Frage wirklich an euch heranzulassen. Die ersten Impulse unserer brav anerzogenen Seiten werden sicher sein: Na das ist für die soziale Entwicklung einfach total wichtig! KInder wollen doch auch am liebsten mit KIndern spielen!
Aber schauen wir doch mal näher hin. Was genau ist daran, dass ein Kind mit Menschen in seinem Alter spielt wichtiger, als mit anderen Menschen? Ein Kind kommt mit einem enorm starken Drang zur Welt: Sich zu verbinden. Es hat ein riesiges Bedürfnis danach, sich zu binden. Und es hat gleichzeitig eine riesige Quelle in sich, die nie versiegt: Entdeckerfreude! Es will spielen spielen spielen. Jedes Kind tut das – egal wie alt, egal womit – es spielt, sobald es die Gelegenheit dazu hat. Mit allem, was ihm diese Welt, in der es lebt, so entgegenbringt. Das können Äpfel, Plastikautos, Dreckklumpen oder Barbies sein. Und wen sucht es als Spielpartner? Sucht ein Baby nur die Blicke von Babys? Kinder interessieren sich für ALLE LEBEWESEN. Sei es ein Käfer, eine Blume, eine Katze, ein Mensch, eine Ente…das sind alles so spannende Wesen, die da um uns herum leben. Und wir großen Menschen teilen das ganze ein, unterscheiden in Tiere und Menschen, in Alt und Jung, Groß und Klein, in Gute und Schlechte Kontakte. Ich glaube nicht, dass wir als Kinder schon unsere Kontakte nach diesen Kriterien auswählten. Es gibt Katzen, mit denen ich noch heute lieber meine Zeit verbringe als mit bestimmten Menschen. Sympathie ist nun mal keine Frage von Kategorien.

Natürlich langweilen sich manche KInder, wenn sie allein zu Hause im Kinderzimmer spielen und keiner mitmacht. Und da sie gelernt haben, dass eh kein Erwachsener außer vielleicht die Großeltern Lust auf Spielen hat, wollen sie Kinder treffen! Ich glaube jedoch, spielen KÖNNEN Kinder prinzipiell mit jedem, den sie sympatisch finden und der mit ihnen spielen WILL und das nicht nur mit Gleichaltrigen.

Wäre die These: „Kinder brauchen Kontakte zu anderen Lebewesen“ so würde ich vollends zustimmen. Vielleicht würde ich auch mitgehen, wenn wir sagen: Kinder brauchen Kontakte zu anderen Menschen. Aber wer um alles in der Welt hat beschlossen, dass Kinder am allerwichtigsten mit Kindern in ihrem Alter spielen sollten? Andre Stern (Wer ihn nicht kennt sollte unbedingt nach ihm googlen) hat dazu in einem Vortag mal etwas schönes gesagt: „Derjenige, der erfunden hat, dass Kinder nur mit Gleichaltrigen sein sollen und dass Deutsch und Mathe die wichtigsten Fächer seien, den sollte man einsperren, und zwar nur mit Gleichaltrigen, und er sollte den ganzen Tag nichts als Mathe und Deutsch lernen!“ (hier ist der Vortrag)

Lasst uns weiterfragen: Wenn nicht die Kinder von einer Selektion ihrer Spielpartner profitieren – wer dann? Ich würde mal ganz pauschal sagen, es ist das einfachste Mittel, um Kinder auf Konkurrenz und Vergleiche vorzubereiten. Erläutern möchte ich es an einem Beispiel. In den letzten Wochen war es heiß und ich ging jeden Tag mit meinen Kindern zum See baden. Wir besuchen hier, wo wir gerade für diesen Sommer leben, einen kleinen Badestrand, an dem sich jeden Tag eine Gruppe älterer Menschen trifft, alle etwa um die 70 Jahre alt. Sie haben alle fast keine anderen Kontakte als untereinander, ihre Enkel und Urenkel sehen sie kaum. Schon beim ersten Besuch dieses Strandes waren alle, wirklich alle Blicke sofort auf meine beiden Kinder gerichtet. Die Augen der älteren Damen leuchteten, funkelten. Keine las mehr ihre Zeitung,alle hatten nur noch Augen für diese wunderbaren Prachtexemplare von Kindern, die da vor ihren Augen die genialsten Sachen machten. Außer sich vor Freude bemerkten die Frauen, dass Miriam ja schon Schwimmen kann und das mit fünf! Und wie schön der kleine Jemiah läuft und schon taucht…na, ihr kennt das sicher, wenn ältere Menschen endlich mal Kinder sehen können und sich alle Herzen und Sinne öffnen. Endlich gab es etwas Lebendiges an diesem Strand für die ganze Runde und das Tag für Tag. Es entstand eine wunderbare Beziehung zwischen meinen Kindern und den älteren Damen – man bemerkte nicht, dass da eine 80jährige Frau mit meinen Kindern durchs Wasser hüpfte – es war ein Kind! Ein glückliches Leuchten in den Augen! Eine Wonne für alle und natürlich auch für mich, denn ich konnte schwimmen:)

Nun kam eines Tages ein Mädchen an den Strand. Es hatte genau so einen Zopf wie meine Miriam, war auch fünf und konnte auch schon schwimmen. Könnt ihr euch denken, was passierte? Alle, wirklich alle Erwachsenen am Strand sagten immer wieder zu den Mädels, sie sollten doch mal miteinander spielen! Keine der beiden wusste so recht, wie sie unter diesem Druck ein Spiel gestalten sollten. Sobald die beiden wirklich aufeinander zugingen, wurden sie sofort kommentiert und gelobt oder irgendwie bewertet. Laut wurde über beide gesprochen, dass ja Miriam allein schwimmen gelernt habe und das andere Mädchen im Schwimmkurs und das sei ja keine Kunst. Und Miriam sei ein bisschen geschickter….Vergleiche. Bewertung. Hierarchien. Wer ist besser, Wer ist weiter, schneller, schlauer, schöner? Die Mädchen wurden zu Konkurrenten gemacht und sollten dabei noch möglichst fein spielen.

Zwei 5jährige Mädchen lassen sich doch wunderbar vergleichen. Sie sind gleich groß und alt und müssten ja eigentlich auch genau das gleiche können und auf dem selben „Entwicklungsstand“ (was für ein herrlich absurdes gradlinig gedachtes Wort) sein. Das eignet sich doch hervorragend, um in der Schule ordentlich Leistungsdruck zu erzeugen. Wenn Peter das kann musst du es auch können! Alle haben es geschafft nur du nicht!

Diese Gleichaltrigkeitsthese dient hervorragend einem Bildungssystem, in dem es um Konkurrenz und Leistungsdruck geht. Wenn KInder von Anfang an mitkriegen, dass sie nur etwas „sind“ wenn sie sich irgendwie unter all den anderen Kindern behaupten und sich unter Beweis stellen, dann wird es ihnen schon bald zur Gewohnheit.Traurig empfinde ich es, dass fast jedes Kind dieses System übernimmt, wenn es darin lebt.

Unsere Tochter Miriam kennt keinen Konkurrenzkampf, sie kennt es nicht, dass wir sie oder irgendjemand bewertet und mit anderen gleichaltrigen Kindern vergleicht. Sie geht auch auf Herausforderungen anderer Kinder herrlich unbeteiligt ein. Neulich erst ergab sich folgender Dialog zwischen einem ihrer Freunde (6 Jahre), der nun einige Jahre im Kindergarten ist: Die beiden trafen sich und er stellte sich vor sie hin, brüllte wie ein Löwe und sagte: ich bin viel größer und stärker als du! Miriam stand lächelnd da und sagte freundlich: Ja.

Mehr nicht. Ich musste lächeln. Immer wieder beobachte ich, wie sie andere Kinder im Spiel hin und wieder herausfordern: Ich bin besser, ich kann schneller, höher, weiter…und Miriam scheint dies nicht wirklich zu beeindrucken. Sie spielt das Spiel einfach weiter. Wow! Was für eine Stärke! Wenn ein Kind sich nicht behaupten braucht, nichts unter Beweis stellen muss, sich nicht im Kampf um Anerkennung über andere Stellen – denn DAS ist es , was in Schule und Kindergarten immer wieder gelehrt wird: Du bist einer von 30 anderen gleichen Kindern und darfst jah nicht aus der Reihe tanzen, nicht schlechter sein….Dazu sage ich ganz klar: Ich glaube nicht, dass meine Kinder, dass irgendwelche Kinder diesen Kontakt (Ist es überhaupt ein wirklicher KONTAKT?) zu Gleichaltrigen brauchen um sich gut zu entwickeln.

Kann sich denn niemand mehr heute an seine eigene Kindheit erinnern? Wolltet ihr nur mit Gleichaltrigen spielen? Ich nicht. Ich liebte es zu Beispiel schon immer mit kleinen Kindern zu spielen. Ich wollte am liebsten gleich selber ein Baby haben. Meine kleine Cousine habe ich kurz nach ihrer Geburt das erste Mal in den Armen gehalten – damals war ich 10. Ich liebte sie innig, sah, wie aus einem Baby ein Mädchen wurde. Eben dieses 18 jährige Mädchen spielt nun mit meiner kleinen Tochter und der Kreis geht weiter und weiter. DAS verstehe ich unter lebendigen Kontakten – eine Fülle an Lebewesen um mich zu erleben. Eingebettet zu sein in ein Netzwerk, in dem ich einzigartig bin. Wie in einer Großfamilie – da ist jeder ein wichtiger Teil, egal wie alt er ist.
Kann man in einer Kindergartengruppe von einem Netzwerk sprechen? Ich habe an vielen Schulen und Kindergärten Praktika absolviert und ich muss sagen: wirkliche Verbundenheit zwischen Kindern erlebte ich nur in Ausnahmefällen.

Ich glaube, wenn du dein Kind nicht in Kindergärten oder Schulen geben willst, hast du eine Entscheidung getroffen, die du nicht aus diesem „sozialen“ Grund anzweifeln musst. Lebe mit deinen Kindern das, was euch gut tut und Spaß macht und ich garantiere dir, ihr werdet Kontakte zu anderen Lebewesen haben – und das mehr als genug! Wenn wir uns frei machen von dem Glauben, dass unsere Kinder dringend ganz viele Kinder im gleichen Alter brauchen und sich sonst nur langweilen, dann eröffnen wir ganz vielfältigen Möglichkeiten eine Chance! So wie meine Tochter einmal 2 Wochen fast ausschließlich mit mir zu einer Schafherde fahren wollte, die in der Nähe war. Sie hatte keine Lust auf Kinder, keine Lust auf irgendetwas anderes als diese Schafherde, deren Mitglieder sie im Laufe der Zeit fast alle persönlich kannte. Sie saß da, beobachtete, redete und kommunizierte auf ihre Art mit den Tieren. Noch immer liebt sie es, wenn wir zu der Herde fahren, wenn sie mal in der Nähe ist.
Hätte ich dies aus pädagogischer Sicht zulassen sollen? Lief meine Tochter nicht Gefahr, zu verblöden und am Ende sich nur noch wie ein Schaf zu benehmen?

Ich bin natürlich auch traurig, dass die meisten Kinder fast den ganzen Tag in Einrichtungen verbringen während meine Kinder durch die Welt ziehen und sich sicher auch mit mehr Kindern verbinden würden, wenn es mehr freilaufende Exemplare davon gäbe. Aber es ist für mich kein Grund, diese Freiheit einzutauschen. Damit möchte ich keinesfalls sagen, dass alle Kindergärten schlecht sind! Ich betone ausdrücklich, dass ich nicht Kindergärten und Schulen ablehne – jedoch glaube ich andersherum nicht, dass wir sie zur Notwendigkeit eines gelungenen Menschenleben erklären sollten!

Nachtrag: Zu diesem Thema findet ihr von Gerald Hüther, einem bekannten Neurbiologen, viele wissenschaftlich begründete Ansichten. Hier kurz und bündig, was mir aus dem Herzen spricht.

7 Kommentare

  1. Liebe Marietta,

    ein wunderbarer Beitrag Artikel, mit wirklich schönen Beispielen aus eurem Leben…das macht mir Mut und inspiriert mich, meinen Weg weiterzugehen. Am spannendsten ist für mich gerade das Konkurrenz/Bewertungsthema. Es fing bei mir und meiner Tochter schon im Bauch an: das Kind ist zu klein! Und auch jetzt, egal wo wir hinkommen wir sie nur bewertet: die ist ja leichter als mein 3-Monate jüngerer Sohn. Oder: wow, das kann sie schon? Das ist aber toll. Ich erlebe sehr selten Erwachsene, die es aushalten können einfach nur mit den Kindern zu SEIN, sie zu erleben und zu lassen. Zu beobachten, und sich daran zu freuen, was sie reingeben. Stattdessen muss immer kommentiert werden. Für mich als Mutter ist es manchmal schwer, da cool zu bleiben. Oft sag ich dann sowas wie: „na sie ist eben ne Zarte“ oder „jeder hat sein Tempo“ aber oft dringt das garnicht durch…die andere Seite macht sich jedenfalls mehr Sorgen um mein Kind als ich, und das lässt mich schon oft daran Zweifeln, ob sie das nicht doch irgendwie abkriegt, auch wenn wir als Familie sie nicht vergleichen und ständig bewerten. Ich kann nur darauf vertrauen, dass sie die bedingungslose Liebe tiefer in ihr Herz schließt, als irgendwelche Kommentare ihrer Umwelt und später mal so lässig und selbstBEWUSST in solchen Situationen reagiert wie deine kleine Miriam :) Oder halt nicht, jeder hat ja auch eine andere Lernaufgabe…ich glaube auch, man kann als Mutter immer nur das Tun, was man aus ganzem Herzen für richtig hält. Ob das dann „gut“ oder „schlecht“ ist, kann man selber ja noch nichtmal mit 100% Sicherheit sagen…und ich denke, darum sollte es auch weniger gehen.

    Danke für deine Worte!!

    Agata

    • LIebe Agata!

      Vielen Dank für dein Feedback. Ja, auch wir erleben so viele Bewertungen mit denen ich auch manchmal nicht umzugehen weiß. Und ich war auch in der Shcule und habe all das miterlebt und auch ich ertappe mich immer wieder dabei innerlich zu bewerten, wenn es gar nicht sein muss. Ich spüre aber, dass immer mehr MEnschen diesen Konkurrenzkampf satt haben und wir eine neue Art finden, unsere Kinder und uns selbst zu erleben als in solchem Leistungsdruck.

      Liebe Grüße an Dich und deine kleine, genau richtig und perfekt ausgestattete Maus!

  2. In dem Artikel steht viel Richtiges und viel gut Gemeintes, aber die eigenen familiären Zustände, von denen die Autorin ausgeht, lassen sich nicht verallgemeinern, der Artikel hat mich stellenweise etwas erschreckt. Manche Kinder haben in der Nachbarschaft eben viele Kontaktmöglichkeiten zu jüngeren, älteren, gleichaltrigen Menschen. Andere haben das nicht oder ihre Mütter sind selbst ein Hindernis für Kontakte und schotten das Kind nach außen ab. Wenn so ein Kind – im problematischeren Falle noch ein Einzelkind – sich dann plötzlich in einer Gruppe wiederfindet, versteht es die Welt nicht mehr – dass es tatsächlich andere Kinder/Menschen gibt, die andere Sachen können oder dieselben Sachen besser können als es selbst. Zuhause wächst es als kleiner Familienstar auf, alles ist toll, was es macht, es gibt ja keinen Vergleich. Es geht nicht um Kindergarten ja oder nein, sondern um die Möglichkeit von Freundschaften, Gruppen, auch mal Streit etc. Das ist nicht genügend herausgearbeitet. Wenn der Kindergarten die einzige Möglichkeit dazu ist, was dann? Wann will man das Kind frühestens ans reale Leben ran lassen bzw. das Leben an das Kind? Bei den ersten schulischen Sportveranstaltungen, bei der ersten Bewerbung für ein Praktikum oder für eine Lehrstelle? Dann sind die anderen schuld, die das Kind sein Anderssein, seine mangelnde Frustrationstoleranz, seine Unfähigkeit als Teamplayer spüren lassen. Bewertung, Vergleiche wird es sein ganzes Leben lang erfahren und aushalten müssen. Auch vergleicht jedes Kind sich von sich selbst aus mit anderen, wenn es die Möglichkeit dazu hat. Bei den meisten Spielen gibt es Gewinner und Verlierer. Manche Kinder lernen zum Glück recht schnell, sich damit zu arrangieren und das beste draus zu machen; andere kriegen keinen Fuß in diese „harte, ungerechte“ Welt, wer übernimmt dafür die Verantwortung? Man darf auch nicht von einer grundsätzlich idealen Welt in der Familie, die viele so nicht haben, ausgehen. Ich war sehr selten im Kindergarten, hab mich dort auch nicht wohlgefühlt, was u. a. an den damaligen recht autoritären Erziehungsprinzipien lag. Außerdem – und das ist der Unterschied zu heute – war das ganze Dorf unser Spielplatz, damit konnte der Kindergarten auch nicht annähernd konkurrieren! Die wenigsten Häuser waren tagsüber abgeschlossen, Türklingeln gab es fast gar keine. Meine Freunde waren gleichaltrig, jünger älter, mein Elternhaus ein 3-Generationen-Haus, ich hatte genug Kontakte und Reibungsflächen, aber auch genug Zeit, ganz alleine zu spielen, aus allem möglichen Gerümpel in Scheunen, Dachböden, Werkstätten etwas zu bauen, zu „erfinden“; oft war Langeweile, die neben allen Freundschaften, Kontakten auch notwendig ist, der Antrieb dazu. Wo findet man das heute auch nur ansatzweise? Und was ist mit den Kindern, die zuhause die schlechteste aller ihrer Welten vorfinden? Sollen die dann im Kindergarten nur unter ihresgleichen Normalität lernen? Natürlich kann man in falsch verstandener Kindesliebe – oft ist es nur ein versteckter Egoismus, sein Kind nicht mit anderen teilen zu müssen – seinem Kind zuhause eine Art Paradies bieten, aber die Welt draußen ist kein Paradies. Ich finde, ein Kind hat auch einen Anspruch, in ausgewogener Weise aufs Leben vorbereitet zu werden und nicht ausschließlich in konkurrenzlosen weltfremd-verträumten Bedingungen aufzuwachsen – zwar gut gemeint, aber schlussendlich schlecht gemacht. Mein Eindruck ist, dass Eltern, die es sich finanziell leisten können, mit dem Kind „durch die Welt zu ziehen“, glauben, dass das allen Eltern möglich wäre, wenn sie nur wollten. Solche Vorteile zu verallgemeinern ist realitätsfern und überheblich. Dass viele Kindergärten nicht optimal sind, sollte ein Ansporn zu deren Verbesserung sein. Die Haltung „ach wie gut, dass es mein Kind besser hat, nur so geht richtige Kindererziehung“ ist unreif und in gewisser Weise asozial. Die bedauernswerten „Produkte“ solcher Erziehungsprinzipien findet man dann im Schul- und Ausbildungsalltag vor und muss versuchen, zu retten was zu retten ist. (War über 30 Jahre im Schuldienst, Berufsschule, Gymnasium und andere Schulformen).

    • LIeber Dieter, Danke für dein Feedback. Wie in den Artikeln erwähnt, habe ich überhaupt kein Interesse daran, andere Eltern davon zu überzeugen, ihre KInder nicht in öffentliche Einrichtungen zu geben. Meine Artikel schrieb ich aufgrund vielfacher NAchfrage von Eltern, die ebenfalls aus unterschiedlichsten Gründen ihre KInder nicht in KIndergärten geben wollen. Wenn es dich nicht anspricht, brauchst du den Artikel weder lesen noch irgendwie gut finden. Ich bin mir sehr bewusst, dass dieses Thema sehr umstritten ist und es da gerade unter Pädagogen 1000 verschiedene Meinungen gibt. Ich habe nicht die Absicht, ein „Konzept“ zu vertreten, ich antworte einfach aus meiner persönlichen Sicht und Erfahrung auf Fragen, die sich immer mehr Eltern stellen.
      Falls es dich interessiert, mehr von Menschen zu erfahren, die sehr erfolgreich sind und selber nie in der Schule waren kann ich dir z.B. Andre Stern empfehlen (im Beitrag verlinkt).
      Herzliche Grüße, Marietta

  3. Liebe Marietta,
    gerade jetzt, wo wir uns selbst am Scheideweg „Kindergarten – ja oder nein?“ befinden, entdecke ich im unerzogen-Magazin den Link zu deinem Blog und lese diesen Artikel hier. Das kommt also sowas von zur rechten Zeit, ich danke dir!
    Ich würde mich über näheren Austausch mit dir freuen, wenn es deine Zeit zulässt. :)
    Liebe Grüße, Stephanie

  4. Bei mir löst der Artikel Zufriedenheit aus. Ich fühle mich als Mutter endlich verstanden. Nicht alle Kinder sind gleich. Nicht jedes Kind will in den Kindergarten. Meine Maus will von sich aus nicht in den Kindergarten. Sie will lieber Zuhause bleiben. Sie hat den Kindergarten kennengelernt. 2 Monate haben wir ihr mit fast 2 Jahren die Möglichkeit gegeben Kindergarten kennenzulernen, zu schauen, ob sie sich wohl fühlt. Aber sie wollte nicht. Zu einem späteren Zeitpunkt, mit 3 1/2 Jahren bekam sie wieder die Möglichkeit in einem anderen Kindergarten. Alle Mütter, die ich kenne, schwärmten für den Kindergarten, in dem wir eine Platzzusage bekamen..Aber sie wehrte sich wieder gegen Kindergarten. Ich habe mein Kind wahr genommen mit all seinen Gefühlen. Ich habe mich nun gegen Kindergarten entschieden. Mich verstehen eigentlich so gut wie alle Mütter nicht. Wie kann man nur sein Kind nicht in den Kindergarten schicken. Dein Kind hat dich in der Hand. Du musst dich mal endlich von deinem Kind lösen. Da sind all die Mütter, die es besser wissen und mein Kind auch meinen besser als ich kennen zu würden. Ich bin so dankbar dafür, dass ich letztendlich auf mein Herz gehört habe und meine Süsse Zuhause gelassen habe. Es war die beste Entscheidung. Sie entwickelt sich, frei und unabhängig von irgendwelchen Institutionen. Mit Bewunderung darf ich jeden Ihrer einzigartig wunderschönenen Entwicklungsschritte mit verfolgen. Ist es nicht das Beste für ein Kind, jeden Tag, in jeder Situation, die bedingungslose Liebe der eigenen Mutter erfahren zu dürfen. Wenn die eigene Mutter, ihren kleinen Engel tröstet, wenn es mal hinfällt, es in den Arm nimmt, auffängt, egal in welcher Lebenssituatuon. Wieso sollte eine pädagogisch ausgebildete Kraft, die nicht diese Liebe empfindet da besser sein?

    • LIebe Bettina,

      ja, es ist ja in so vielen Bereichen so, wenn du auf dein Herz hörst, dann versteht es nicht jeder. Das ist aber im Grunde auch gar nicht wichtig. Es gibt kein Problem. Dir geht es gut. Deiner Tochter geht es gut. Sollte es ein Problem geben, wirst du es spüren und wiederum auf dein Herz oder diene Intuition hören. Das ist ja das schöne, wenn wir intuitiv leben – wir brauchen keine Angst haben, dass wir einen Fehler begehen. Was sich gut anfühlt kann kein Fehler sein. Wenn es sich nicht mehr gut anfühlt, dann werden wir es einfach ändern können. Juppiiie! Es lebe die innere Freiheit:)

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