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Sind schreiende Eltern für Kinder eine Gefährdung?

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3 Gründe, warum ich gewaltfreies Schreien für bindungsfördend halte

Ich wage mich jetzt mal an ein Thema heran, worüber es bestimmt schon viele Sichtweisen gibt und ich denke, es ist sehr umstritten: Schadet es Kindern, wenn Eltern schreien?

Die erste Reaktion unter bewusst lebenden Eltern ist natürlich: Wir wollen unsere Kinder nicht anschreien! Es ist natürlich wunderbar, dass wir nicht mehr in einer Zeit leben, in der Anschreien die Norm war und in dogmatische Erziehungsstrategien hinein gehörte. Schreien und Kinder durch Autorität erziehen ist nicht mehr das Ideal bewusster Eltern.
Das geht jedoch soweit, dass eine Mama, die eben doch aus irgendwelchen Gründen gerade geschrien hat, danach seltsame Blicke erntet, Kopfschütteln und so subtile Andeutungen, dass sie ihr Kind „nicht im Griff hat“.
Schreien wird mittlerweile tabuisiert, wer sein Kind anschreit, der schadet der Seele des Kindes. Aggression und Schreien gehört nicht in eine friedliche und bindungsorientierte Elternschaft. So in etwa würde ich die Gegenwärtige Meinung über Schreien formulieren.

Ihr merkt, ich habe da noch einen Haken zu setzen…natürlich wünsche auch ich mir, nicht meine Tochter anschreien zu müssen und wünsche mir friedliche Konfliktlösungen. Aber, und vielleicht geht es euch auch so, manchmal gibt es Situationen, in denen alle meine Nerven sich verabschieden und ich einfach meine angestaute Energie rauslasse. Hierbei meine ich wirklich ein Schreien, was dem Loslassen von negativen Emotionen dient und nicht ein bloßes Schreien von Beleidigungen und Angriffen.
Es ist nicht meine Tochter, die ich dann direkt anschreie aber ich werde eben laut und sage Sachen wie: „Mir ist das alles zu viel!“ Und ich wage jetzt mal zu behaupten, dass das ok ist und vielleicht sogar weniger schadet als verbindet. Warum?

Hier meine 3 Gründe, warum ich glaube, dass Eltern (und Kinder!) auch mal schreien können:

1. Schreien ist eine wirkungsvolle Strategie, um heftige Emotionen rauszulassen

Sicher ist es erstrebenswert, gar nicht erst in Situationen zu geraten, in denen die Nerven blank liegen. Bewusstes Familienleben minimiert natürlich die Anzahl an Momenten, in denen Aggression oder Wut auftauchen. Und intuitive, bindungsorientierte Eltern sind meist sehr feinfühlig und Überforderungsmomente entstehen in Verbindung mit den Kindern einfach viel weniger. So sind wirkliche Schreimomente bei uns sehr selten.

Aber was tun, wenn es eben doch alles auf einmal chaotisch wird und nichts mehr funktioniert und alle Nerven am Ende sind? Wir sind nun mal nicht „perfekt“ und es gibt gerade im Alltag mit Kindern Situationen, die einfach überfordert können. In solchen Momenten so zu tun, als wäre nichts, staut die negativen Emotionen erst recht! Ich hatte als Kind eine Lehrerin, die wurde, wenn sie wütend war,immer extrem sachlich, gefasst und überspielt freundlich. DAS war echt eine Qual!
Eure Kinder spüren doch auch, wenn Situationen sich überladen anfühlen. Wenn ihr dann einfach mal alles raus schreit (nicht das Kind ANschreien, sondern alles RAUSschreien) dann kann das wirklich die Situation entspannen. Nicht anders ist es doch, wenn wir mit unserer Arbeit, einem Bild oder irgendetwas nicht weiterkommen. Wir schmeißen alles hin und geben erstmal auf. Das verschafft neuen Raum und danach geht es viel einfacher weiter.
Nun besitzt jeder ein anderes Temperament. Ich werde schnell mal laut, auch wenn ich fröhlich bin. Andere schreien fast nie – ich meine mit schreien also ein Ausrasten und ein Energie- loswerden, was euch entspricht.

Auch vor Freude Schreien macht Spaß!

Auch vor Freude Schreien macht Spaß!

Ich glaube, es ist die bessere Alternative, wenn du nicht mehr kannst, einfach mal alles raus zuschreien als so zu tun, als wäre nichts oder dich zusammenzureißen, weil du glaubst, deinem Kind sonst zu schaden. Dein Kind nimmt dir das eh nicht ab! Es ist viel echter und ehrlicher, als irgendetwas zu unterdrücken.
Außerdem ist Schreien oder anders laut die Stimme nutzen sehr entkrampfend. Wer unter euch gerne singt, kennt wahrscheinlich die Wirkung. Unsere Stimme zu nutzen kann Verspannungen also auch auf körperlicher Ebene lösen.
Was machen wir, wenn wir hinfallen? Was macht ein Kind, wenn es Hilfe braucht? Wie klingt eine Mutter während der Geburt?
Unsere Stimme ist nicht nur zum Sprechen da! Sie intuitiv zu nutzen, kann unser Leben mehr bereichern, als unsere Anspannung anzustauen.

2. Schreien kann gewaltfreie Kommunikation begünstigen

Es ist eine gewagte Ansicht, aber ich stehe voll dahinter. Ein friedliches Familienleben heißt für mich nicht, dass wir immer gut gelaunt und entspannt sind. Konflikte sind einfach da – und sie friedlich zu lösen heißt für mich, die eigenen Bedürfnisse angemessen mitzuteilen. Wenn ich überfordert bin und schreie: „man, ich bin total fertig, ich brauche jetzt Ruhe!“ dann schreie ich zwar, bleibe aber bei mir und meinen Wünschen und gebe den anderen die Möglichkeit zu sehen, was mit mir los ist.
Eine verkrampfte Mama, die ihren Frust unterdrückt um ja nicht aggressiv zu sein, wirkt nach außen erst Recht seltsam – nur weiß ihr Kind dann nicht, was los ist. Ich finde es sehr fruchtbringend, wenn wir unser Problem für den anderen verständlich formulieren – und wenn wir dabei lauter werden, ist das finde ich besser, als verkrampft so zu tun, als wäre nichts. Das geht eh nur eine Weile gut, bis der Knoten auf andere Wiese platzt – und da sehe ich den großen Vorteil daran, auch mal in chaotischen Situationen zu schreien. Denn früher oder später kann niemand mehr seine Aggressionen oder Überforderung zurückhalten – und sie platzt heraus, entweder nach Innen (Krankheit?) oder nach außen (Gewalt). DAS schadet Kindern und Eltern wirklich!
So ist es viel einfacher, Lösungen gemeinsam zu finden. So, wie wir weinen dürfen, wenn wir traurig sind, glaube ich, dürfen wir lauter werden, wenn wir überfordert sind. Tun wir das auf angemessene Weise, können unsere Kinder oder Partner uns viel leichter entgegenkommen, als wenn wir starr und angespannt die überlastende Situation überspielen.

3. Unser Schreien als Vorbild

Ja, ich habe sogar den Verdacht, dass wir unseren Kindern sehr viel mit auf ihren Weg geben, wenn sie Eltern erleben, die auch mal ihren Frust herausrufen und ES NICHTS SCHLIMMES IST. Wie wunderbar, wenn ein Kind beobachten kann, dass seine Mama auch ihre Grenzen hat und sie auch nicht immer freundlich und perfekt ist. So wie Kinder mal schreien (und ich kennen kein Kind, welches das nicht ab und zu tut) können wir Erwachsene auch schreien, ohne dass es angreifend oder gewalttätig wird.
Schreien wird häufig als Gewaltakt interpretiert, als Schimpfen oder Tadeln. Aber es gibt auch eine ganz andere Art von Schreien und ich glaube, unsere Kinder profitieren sehr davon, diese positive Art von Schreien kennen und damit umgehen zu lernen.
Ich habe einen Opa, der wirklich schnell mal laut wird. Nicht nur, wenn er wütend ist, auch einfach aus guter Laune. Eine Freundin, die als Kind mal mit bei meinen Großeltern zu Besuch war, fragte mich danach, warum wir die ganze Zeit gestritten haben – sie hatte angenommen, mein Opa schimpft mit uns. Sie kannte Lautwerden nur als negatives Signal von Schimpfen, Strafe oder Kritik. Ich musste ihr 10 Mal beteuern, dass mein Opa einfach nur ein anderes Temperament hat und es nichts mit ihr zu tun hat. Sie fand das richtig spannend und wollte öfter mitkommen. Später sagte sie mir, es war für sie eine ganz wundervolle Erfahrung, dass man auch anders Laut werden konnte. Sie fühlte sich als Kind dort richtig angenommen und konnte selber auch toben und „wild“ sein, was sie zu Hause eher selten war.
Schreien, impulsiv sein und einfach seine Stimmung auch mit der Stimme zum Ausdruck zu bringen (was für ein Wortspiel) kann unseren Kindern Sicherheit geben. Sie wissen ganz genau, dass wir zwar laut werden, wir sie aber nicht Anschreien, sondern unsere Emotionen rauslassen.
Und sie können es selber ausprobieren! Anstatt zu lernen, dass Schreien tabu ist und nur „böse“ Kinder schreien, können unsere Kinder einen ganz anderen Umgang mit negativen Emotionen erleben. Wenn sie selber dann mal schreien, fühlen sie sich nicht einfach „schlecht“, sondern haben Umgang gefunden mit einem Schreien, das fern ist von Gewalt oder Angriff.

Ganz zum Schluss will ich wirklich nochmal betonen, dass ich kein Anbrüllen oder verbale Gewaltakte mit diesem positiven Schreien meine. Es geht hier nicht um Strafe, Gewalt oder andere Angriffe – es geht mir darum, dass ich es völlig o.k. finde, wenn Eltern auch mal ihre Gefühle rausschreien und wir nicht immer gleich an das Jugendamt denken müssen, wenn wir eine Mama ihre Gefühle schreien hören. Sie braucht dann vielleicht weniger Erziehungshilfe als einfach ein bisschen Empathie…

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2 Kommentare

  1. Hallo Marietta,

    ich kann sagen, ich bin eine Schreimama. Es hat lange gedauert, bis ich das akzeptiert habe und mir nicht danach jedes Mal vorkam wie eine Rabenmutter.
    Habe natürlich lernen müssen, so zu schreien, dass ich andere nicht verletze.
    Durch meine schlimme Kindheit, die voll von Demütigungen, verbalen und körperlichen Verletzungen musste ich überhaupt vieles neu lernen und muss es auch heute noch. Das Schreien hilft mir, Druck abzulassen. Ein kräftiges Gewitter reinigt dann die Luft. Meine Kinder machen das auch und sie dürfen und sollen auch ihren Frust rausschreien.
    Ich habe auch lange gedacht, schreien darf man nicht. Das setzte mich jedes Mal so unter Druck, dass ich dann noch mehr schrie oder auch zwar nur wenige Male, aber dennoch zu oft handgreiflich wurde bei meinem Sohn. Wie man sich danach fühlt als Mutter kann nur jemand begreifen, dem es passiert ist. Eines konnte ich dann jedoch besser als mein Vater. Ich habe mich von ganzem Herzen entschuldigt und meinem Sohn erklärt, dass es nicht an ihm liegt. So musste er sich damals nicht schuldig fühlen, so wie ich das tat für meinen Vater.
    Viele Bücher, die mich aufklärten über schwarze Pädagogik oder das intuitive Elterndasein stärkende Literatur, halfen mir im Umgang mit meinen Kindern, allen voran Jean Leadloff mit dem Buch “ Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“.
    Natürlich half mir das alles auch, weniger und nicht so verletzend zu Schreien. Es war dann nicht mehr ganz so schlimm für mich. Trotzdem hatte ich nach einem lauten Gefühlsausbruch immer noch ein unschönes Gefühl und dachte, wie krieg ich das nur in den Griff.
    Meinen ersten Trost fand ich in einem Märchen von Hans Bemmann, „Stein und Flöte“. Eine Person heißt dort „der große Brüller“. Das half mir, meine Schreierei mit etwas mehr Humor zu sehen. Ich bin halt eine laute polternde Person von Zeit zu Zeit. Das zweite Buch „Aggression“ von meinem Lieblingsautor Jesper Juul klärte mich darüber auf, wie wichtig Aggression für das menschliche Leben ist und dass es auf keinen Fall tabuisiert werden darf. Man muss auch in diesem Bereich vieles differenzierter sehen.
    Ich rege mich derzeit sehr darüber auf, wie die Eltern der Mitschüler meines Sohnes sich für eine Antiaggressionskampagne stark machen, obwohl es in meinen Augen dem Alter entsprechend normal ist, sich zu raufen und „Banden“ zu bilden und auch mal blaue Flecken davonzutragen. Klar finde ich wichtig darauf zu achten, dass da nicht plötzlich jemand ständig zum Prellbock wird. Dann muss auch mit den Kindern das Thema mal angesprochen werden. Aber in dieser Form, wie ich den Umgang mit Aggression heute erlebe, finde ich es sehr bedenklich.
    Viele trauen sich dann womöglich nicht mal mehr zu schreien. Das staut Druck auf und erzeugt meiner Meinung nach eine unterschwellige, gefährliche Form von Aggression.
    Seit ich mich mit dem Schreien so annehme, wie ich bin, schreie ich auch viel weniger, ich hab nicht mehr den Druck, es nicht tun zu dürfen.
    Meine Kinder kennen mich so und scheinen damit zurechtzukommen.
    Schön, dass Du das Schreien zur Sprache gebracht hast.
    Jeder Beitrag von Dir hilft mir, gegen den Strom zu schwimmen besonders in den Zeiten, wo ich dünnhäutiger bin und mich von Pseudoweltverbesserern verunsichern lasse.

  2. Pingback: Dürfen Eltern Schreien - Wenn die Nerven blank liegen

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